Wie ein vergessener Reis nach Stuttgart kam
Zwanzig Gäste, drei Köchinnen aus Kolkata und Reissorten, die es fast nicht mehr gibt. Beim exklusiven ChanceMaker Community Circle am 28. Juli in Stuttgart wurde eine Küche übernommen, eine vergessene Geschichte erzählt und ein Stück essbare Vielfalt zurück auf den Teller gebracht.
Für einen Abend gehörte die Küche des vhy! nicht mehr Stuttgart, sondern Kolkata. Bei perfektem Sommerwetter kamen auf der Gartenterrasse des veganen Restaurants von VfB-Legende Timo Hildebrand rund zwanzig Gäste zusammen, um zwei unserer ChanceMaker persönlich zu treffen: Sarah Gekeler und Sujoy Chatterjee, die im indischen Westbengalen mit mehreren Initiativen daran arbeiten, Kleinbäuerinnen eine neue Perspektive in der ökologischen Landwirtschaft zu ermöglichen.
Nach einem Empfang in der Abendsonne gab Patrick Knodel, Vorstand der ChanceMaker Foundation, zunächst einen tieferen Einblick in den Stiftungsalltag: wie wir ChanceMaker aufspüren, miteinander verbinden und langfristig stärken. Und warum wir überzeugt sind, dass die besten Lösungen dort entstehen, wo Menschen die Probleme aus eigener Erfahrung kennen.
Danach hatten Sarah und Sujoy das Wort. Sie begannen nicht mit ihrer Arbeit, sondern mit einer Geschichte, die weit zurückreicht.
Von der reichsten Region der Welt zur verlorenen Vielfalt
Vor der Kolonialzeit gehörte der indische Subkontinent zu den wohlhabendsten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Erde und stand für schätzungsweise ein Viertel der weltweiten Industrieproduktion. Bengalen war eines seiner reichsten Zentren, geprägt von einer hochentwickelten Textilproduktion, die bis nach Europa exportiert wurde.
Dann setzten sich in West Bengalen nach und nach europäische Kolonialmächte fest. Zuerst Portugal im 16. Jahrhundert, später die Niederlande, Dänemark, Frankreich und sogar Österreich. Am Ende beherrschte Großbritannien den Subkontinent, mit Kalkutta als Hauptstadt Britisch-Indiens bis 1911. Aus einer Wirtschaftsmacht wurde ein Rohstofflieferant: Baumwolle, Salpeter, Indigo, Jute, Opium, Zucker, Reis und Tee flossen nach Europa ab.
Heute leben in Westbengalen rund 106 Millionen Menschen auf einem Viertel der Fläche Deutschlands. Die Region ist der größte Reisproduzent Indiens und der zweitgrößte Teeproduzent. Und genau hier haben Sarah und Sujoy 2016 in den Sundarbans, dem größten zusammenhängenden Mangrovenwald der Erde, ihre Arbeit begonnen. Ihre Ausgangsfrage war einfach: Warum verdienen die Frauen, die den Reis dort anbauen, am wenigsten an ihm?
Der zweite Teil ihrer Präsentation blieb den Gästen besonders im Gedächtnis. Vier Zahlen genügten: In den 1960er Jahren wuchsen in Bengalen etwa 5.500 einheimische Reissorten. Heute sind noch rund 500 davon erhalten. Etwa 300 werden von Kleinbäuerinnen bewahrt, die mit den Initiativen unserer ChanceMaker – amar khamar und Soceo – verbunden sind.
Verantwortlich für den Verlust an Biodiversität ist vor allem die Grüne Revolution: Genetisch modifizierte Hochertragssorten, Kunstdünger, Monokulturen. Die Erträge stiegen, die Vielfalt verschwand. Und mit ihr das Wissen über Sorten, die salzige Böden vertragen, Überflutungen überstehen und ohne Chemie auskommen – im Klimawandel wird dieses Wissen wieder überlebenswichtig. Sorten mit Namen wie „Lal Badshabhog,“ „Hamilton,“ oder Pakhi sind keine Museumsstücke, sondern gelebte Klimaanpassung.
amar khamar arbeitet direkt mit Kleinbäuerinnen aus den Sundarbans zusammen: Es kauft ihnen ökologisch angebaute, indigene Reissorten, Linsen und Gewürze zu fairen Preisen ab und verkauft sie ohne Zwischenhändler an städtische Konsumentinnen und Restaurants. Soceo baut dieses Modell weiter aus und schult Kleinbäuerinnen in ökologischem Anbau, unterstützt sie bei der Weiterverarbeitung zu höherwertigen Produkten und erschließt ihnen neue Märkte. Was unsere beiden Möglichmacher tun, ist deshalb strategisch und nachhaltig. Sie machen essbare Vielfalt wirtschaftlich tragfähig.
Die Küchenübernahme
Dann kam das handverlesene Essensmenü. Drei Köchinnen aus dem Restaurant von amar khamar in Kolkata waren nach Stuttgart gereist und übernahmen für einen Abend die Küche des vhy!. Bengalische Handwerkskunst in einer schwäbischen Küche, mit Zutaten, die zum großen Teil direkt von den Feldern der Kleinbäuerinnen kamen, die mit amar khamar und Soceo arbeiten.
Sarah und Sujoy stellten jeden Gang vor und erzählten, was dahintersteckt. Aromatischer Karpurkanti Reis aus den Sundarbans. Leicht bitteres Zucchini Shukto, das in Bengalen traditionell am Anfang steht, weil es den Appetit anregt. Shak Bhaja, sautiertes Blattgemüse mit hausgemachtem Kasundi, dem berühmten bengalischen Senf. Masoor Dal Makha, ein Püree aus gewürzten roten Linsen.
Es folgten aromatischer Chine Kamini Reis, eine Sorte, die nur noch wenige Kleinbäuerinnen in den Sundarbans anbauen, sowie Choiti Mung Dal aus dem Distrikt North 24-Parganas. Dazu Goyna Bori Bhaja, getrocknete Linsenklößchen aus Medinipur, deren feine Muster von Hand geformt werden, und Sorshe Begun, Auberginen in cremiger Mohn-Senfsauce. Ein Chutney aus saisonalem Steinobst bildete den süß-sauren Übergang, bevor Bashahbhog Chal-er Payes den Abend abschloss, ein Kokosmilch-Reis aus dem Distrikt Jhargram.
Vieles davon kam auf großen Platten zum Teilen an den Tisch, so wie in bengalischen Familien gegessen wird. Denn wer eine Schüssel weitergibt und das Essen teilt, kommt schneller ins Gespräch.
Rekha, eine der drei Köchinnen, teilte ihre persönliche Geschichte, die den ganzen Abend auf den Punkt brachte. Ihre Mutter war eine der ersten Bäuerinnen, die mit amar khamar zusammenarbeiteten. Damals in den Sundarbans, mit Reis von einem kleinen Feld und ohne jede Vorstellung davon, wohin die Reise gehen würde. Heute steht Rekha als Köchin im Restaurant von amar khamar in Kolkata am Herd. Von einem Feld in den Sundarbans über eine Küche in Kolkata an einen Tisch in Stuttgart, innerhalb einer Generation.
Was langfristige Förderung möglich macht
Wir haben den Abend auch genutzt, um an diesem Beispiel zu zeigen, was die ChanceMaker Foundation fördert, wie wir das tun und was daraus entstehen kann.
Als wir amar khamar vor einigen Jahren kennenlernten, war es ein junges Sozialunternehmen mit einer starken Idee: Produkte von Kleinbäuerinnen aus ländlichen Regionen über direkte Lieferketten an den Markt zu bringen, ohne Zwischenhändler. Wir haben dieses Modell von Anfang an unterstützt, denn digitale Infrastruktur kann Kleinbäuerinnen völlig neue Perspektiven eröffnen, wenn man ihr Potenzial für die Marktanbindung konsequent nutzt.
In den ersten Jahren ging es vor allem darum, diese Möglichkeit auszuloten und verschiedene Ansätze zu testen. Heute verkaufen viele der beteiligten Kleinbäuerinnen ihre weiterverarbeiteten Produkte direkt, ihre Einkommen sind gestiegen und ihre Abhängigkeit von Zwischenhändlern gesunken. Es entstanden Kooperationen, die vorher unmöglich gewesen wären: mit prominenten Foodbloggern und mit bekannten Spitzenrestaurants in mehreren indischen Städten, die heute mit unterschiedlichsten traditionellen Reissorten kochen. Aus einem Nischenprodukt wurde eine Bewegung mit echtem Marktzugang.
Heute fördern wir den nächsten Schritt. Über Soceo wird das Modell weiter ausgeweitet. Soceo arbeitet mit lokalen Organisationen in Westbengalen zusammen und begleitet Kleinbäuerinnen beim Umstieg auf ökologische Landwirtschaft: von der Auswahl der passenden Sorten über Trainings zur Weiterverarbeitung bis zum direkten Marktzugang über verschiedene Vertriebswege. 2025 sind so für 661 Kleinbauern und ihre Familien neue Einkommensmöglichkeiten und zukunftsfähige Lebensgrundlagen entstanden. Das Ziel liegt bei 1.800 Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in drei strategisch ausgewählten Gebieten Westbengalens.
Dieses Erfolgsmodell zeigt: wer Ausdauer und Vertrauen an der richtigen Stelle beweist, schafft echte, langfristige Wirkung.
Der ChanceMaker Community Cirlce – ein außergewöhnlicher Abend
Der Community Circle ist unsere Einladung an Menschen, die mehr über unsere Arbeit erfahren wollen und die Geschichten dahinter kennenlernen möchten. Bewusst intim gehalten findet er auf persönliche Einladung statt, weil gute Gespräche Raum brauchen.
Unser herzlicher Dank gilt dem wundervollen Team des vhy!, das uns diesen Abend mit großzügiger Unterstützung ermöglicht und uns seine Küche überlassen hat. Nicht jedes Restaurant lässt drei Gastköchinnen einfach mal machen. Und ein großes Dankeschön an unsere drei außergewöhnlichen Köchinnen, die eine weite Reise angetreten haben, um zu zeigen, wie Westbengalen schmeckt, wenn die Vielfalt zurückkehrt, die dort einmal selbstverständlich war.
Wer an diesem Abend mit uns am Tisch saß, hat nicht nur außergewöhnlich gut gegessen, sondern zwei unserer inspirierenden ChanceMaker kennengelernt, die zeigen, dass ökologische Regeneration und wirtschaftlicher Erfolg zusammengehören können. Durch deine Spende kannst du heute gemeinsam mit uns dafür sorgen, dass wir außergewöhnliche ChanceMaker wie Sarah und Sujoy mit ihren wirkungsvollen Initiativen langfristig unterstützen können.
Der nächste Community Circle kommt. Wieder exklusiv, wieder persönlich, wieder mit Möglichmachern, die ihre Geschichte selbst erzählen. Wenn du dabei sein möchtest, melde dich bei uns oder trage dich in unseren Newsletter ein. Werde Teil der ChanceMaker Community und erlebe, welche Kraft darin steckt, wenn wir gemeinsam wirken.