Wandel von innen: Der ChanceMaker Ecosystem Fund

Der ChanceMaker Ecosystem Fund ist unser Weg, Stiftungsarbeit neu zu denken: Nicht wir entscheiden, wer eine Anschubfinanzierung bekommt, um neue, mutige Lösungen für soziale und/oder ökologische Herausforderungen umzusetzen, sondern unsere Partnerorganisationen vor Ort. Im Pilotjahr haben vier ChanceMaker-Partner neun Grantees (Geförderte) aus sechs Ländern ausgewählt und mit je bis zu 10.000 Euro auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt. Im Blogbeitrag stellen wir euch das Konzept und die ersten Grantees vor.

Was wäre, wenn nicht wir allein entscheiden, welche lokalen Lösungen gefördert werden, sondern die Menschen, die am nächsten dran sind? Diese Frage stand am Anfang des ChanceMaker Ecosystem Funds. Die Antwort darauf hat das Potenzial, unsere Förderarbeit grundlegend zu verändern.

Viele der ChanceMaker und ihre Organisationen, die wir fördern, sind mehr als „Projekte“. Sie sind Keimzellen des Wandels. „kanthari“ bildet zum Beispiel Menschen aus aller Welt aus, die eine soziale oder ökologische Ungerechtigkeit aus eigener Erfahrung kennen und daraus eine Lösung entwickeln. SINA (Social Innovation Academy) begleitet stark benachteiligte Jugendliche und Geflüchtete dabei, eigene Sozialunternehmen zu gründen. Die Global Diversity Foundation stärkt weltweit indigene Gemeinschaften und Umweltaktivisten. Shikshantar in Indien entwickelt seit Jahrzehnten alternative Bildungsräume jenseits des Schulsystems und unterstützt eine Vielzahl neuer Ideen und Experimente.

Wir nennen diese Partner die „ChanceMaker-Maker“. Sie sind nicht nur selbst Möglichmacher, sondern sie bringen die nächste Generation von ChanceMakern hervor. Und genau hier stellt sich eine entscheidende Frage: Was passiert mit den Menschen, die diese Programme abschließen? Was passiert mit der Idee, die jemand am Ende seines Fellowship-Jahres im Kopf trägt, aber kein Startkapital hat, um sie wirklich anzugehen?

Dezentralisierte und Dekolonisierte Förderung

Unser ChanceMaker Ecosystem Fund gibt darauf eine Antwort. Vier unserer Partnerorganisationen (kanthari, SINA, Global Diversity Foundation und Shikshantar) erhalten jeweils 10.000 Euro. Nicht für sich selbst, sondern um sie an die vielversprechendsten Absolventinnen und Absolventen ihrer eigenen Programme und Initiativen weiterzugeben: als Einzelförderung oder aufgeteilt auf bis zu vier neue ChanceMaker und ihre Organisationen. Für kleinere Organisationen in ihrer Gründungsphase machen diese Beträge oft den Unterschied von der Idee zur Umsetzung.

Die Entscheidung, wer dieses Geld bekommt, liegt vollständig bei den Partnerorganisationen. Sie kennen die Menschen. Sie können einschätzen, wessen Idee mit der richtigen Anschubfinanzierung die beste Wirkung entfalten kann.

Zur Finanzierung kommt ein weiteres Element: das Buddy-Mentorship-System. Jeder Grantee wird einer anderen Partnerorganisation als Mentor zugeteilt (nicht der eigenen). Ein Grantee aus Nigeria oder Kamerun wird zum Beispiel von jemandem aus Sri Lanka oder Indien begleitet. Wissen reist über Kontinente. Aus Förderung wird Vernetzung, aus Vernetzung wird ein aufstrebendes Ökosystem.

Von Nigeria bis Indien: Die neuen Möglichmacher

Im Pilotjahr wurden neun Grantees aus Afrika und Asien von unseren ChanceMaker-Partnerorganisationen ausgewählt. Ihre Initiativen zeigen, wie vielfältig Wandel aussehen kann, wenn er von innen heraus entsteht.

Jethro Christopher — Tech4Rural, Nigeria. Jethro wuchs im Niger-Delta auf, wo Ölkatastrophen seit Jahrzehnten Böden und Lebensgrundlagen zerstören. Mit Tech4Rural bildet er Jugendliche aus ölverschmutzen Dörfern in digitalen Fähigkeiten aus: Videoproduktion, digitales Marketing, Community-Dokumentation. Ausgestattet mit diesen Werkzeugen können sie nicht nur neue Einkommensquellen erschließen, sondern werden gleichzeitig zu Umweltaktivisten, die die Zerstörung ihrer Heimat öffentlich sichtbar machen und Ölkonzerne sowie die Regierung zur Rechenschaft ziehen.

Blaise Ngwanoh — Mandrill-Alert, Kamerun. Im von Konflikt geprägten Nordwesten Kameruns sind Gehörlose besonders verletzlich: Ohne funktionierende Warnsysteme können sie Gefahren wie Schüsse oder Explosionen nicht rechtzeitig wahrnehmen. Blaise, selbst gehörlos, entwickelt ein Sicherheitsarmband, das Vibrationen und Lichtsignale nutzt, um Gehörlose in Gefahrensituationen zu warnen und in Sicherheit zu bringen. Daneben schafft er mit Gebärdensprachtrainings und einem nachhaltigen Modedesignprogramm sichere Arbeits- und Lernräume für Gehörlose, die sonst kaum Zugang zu Bildung oder Einkommen haben.

Samson Luari — Ogiek Museum & Herbal Garden, Kenia. Die Ogiek sind eines der ältesten Völker Ostafrikas, doch ihr Wissen über Heilpflanzen, Waldökosysteme und kulturelle Praktiken droht zu verschwinden. Samson, selbst Ogiek, baut im Mau-Wald ein Museum mit über 150 gesammelten Artefakten auf und legt einen Heilpflanzengarten mit mehr als 600 vom Aussterben bedrohten Pflanzenarten an. Beides dient als lebendiger Ort für den Wissenstransfer zwischen Ältesten und Jugendlichen und stärkt die Bindung der Gemeinschaft an ihr angestammtes Land.

Wangechi Kiongo — EcoPhilia, Kenia. Im Nyeri County bedroht der Klimawandel zunehmend Ökosysteme und Lebensgrundlagen, während Umweltbildung für die meisten Jugendlichen kaum zugänglich ist. Wangechi verbindet in Eco-Clubs Klimakompetenz, mentale Gesundheit und praktisches Handeln: Jugendliche lernen nicht nur, was Ökosystemregeneration bedeutet, sondern setzen sie in ihrer eigenen Gemeinde um.

Janet Aguti — Totya Platform, Uganda. Janet gründete Totya, nachdem sie selbst sexuelle Gewalt erlebt hatte und erkannte, wie wenig Unterstützung Betroffenen in Uganda zur Verfügung steht. Die Initiative betreibt die einzige Hotline Ugandas für Überlebende sexueller Gewalt und versorgt Betroffene mit medizinischer Notversorgung, psychosozialer Begleitung und rechtlicher Unterstützung. Da viele Betroffene in ländlichen Gebieten weder Transportmittel noch Geld für medizinische Versorgung haben, produziert und verteilt Totya Erste-Hilfe-Kits, um HIV-Übertragung, Infektionen und ungewollte Schwangerschaften zu verhindern.

Sairus Kiggundu — Kibajjo Agro-Processors, Uganda. Kleinbauern in Uganda verlieren einen Großteil ihrer Ernte durch fehlende Lagerung und Verarbeitung sowie durch Zwischenhändler, die die Preise diktieren. Sairus trocknet, verarbeitet und verpackt lokal angebauten Ingwer mit Solartrocknern und verkauft ihn als zertifiziertes Produkt direkt auf dem Markt. Das soll das Einkommen der beteiligten Bauernfamilien um 40 Prozent steigern und zeigt, dass Wertschöpfung auch in ländlichen Regionen möglich ist.

Israel Baelongandi — CINA Bakery Project, DR Kongo. Israel hat trotz Hochschulabschluss lange keine Arbeit gefunden, weil der Arbeitsmarkt Menschen mit Behinderungen systematisch ausschließt. Diese Erfahrung hat ihn nicht entmutigt, sondern angetrieben. Nahe Kinshasa gründete er eine Bäckerei, die ausschließlich Menschen mit Behinderungen beschäftigt und ihnen neben Einkommen auch eine tragfähige Ausbildung und Lebenskompetenzen vermittelt.

Blaise Amani — GIV Renewable Energy, Kenia. Im Flüchtlingslager Kakuma haben die Menschen kaum Zugang zum Internet. Blaise, selbst Geflüchteter aus dem Kongo, baut solarbetriebene WLAN-Hotspots auf und verbindet Schulen sowie lokale Unternehmen mit dem Netz. Digitale Teilhabe schafft dort die Grundlage für Bildung und wirtschaftliche Selbstständigkeit, wo beides bisher kaum existiert.

Shehnaz Khan — Green for Nature, Indien. Millionen ausrangierter Computer landen jedes Jahr auf Deponien, während gleichzeitig Millionen Menschen in Indien keinen digitalen Zugang haben. Shehnaz und ihre Organisation schließen diese Lücke: Sie holen alte Geräte von Deponien, reparieren sie und bringen sie zu Schulen und Gemeinschaften ohne digitale Ausstattung. In ihrer Reparaturwerkstatt in Delhi bilden sie gleichzeitig benachteiligte Jugendliche zu zertifizierten Technikerinnen und Technikern aus.

Erste Learnings und nächste Schritte

Wer am nächsten dran ist, entscheidet am besten. Wer Philanthropie wirklich demokratisieren und dekolonisieren will, muss bereit sein, Entscheidungsmacht abzugeben. Der ChanceMaker Ecosystem Fund ist hierfür ein Pilotprojekt, und wir haben ihn bewusst so behandelt. Nicht alles klappt dabei reibungslos: Das Mentorship-System brauchte länger, um in Gang zu kommen, als geplant. Wir haben gelernt, dass Mentoring-Beziehungen von Anfang an mit einer gemeinsamen Auftaktsession aller Beteiligten etabliert werden müssen.

Dieses und viele andere Learnings nehmen wir mit – denn der Ecosystem Fund bleibt kein einmaliges Experiment, das können wir jetzt bereits versprechen. Wir wollen ihn weiter ausbauen: mehr Partnerorganisationen einbeziehen, den Förderrahmen durch neue Unterstützer erhöhen, die Vernetzung unter den Grantees weiter stärken. Perspektivisch soll es ebenfalls möglich sein, dass besonders vielversprechende Grantees nach Ablauf des ersten Jahres eine vollständige Organisationsförderung bei der ChanceMaker Foundation beantragen können.

Was wir ebenfalls bereits feststellen können: Die Ideen für eine gerechte und zukunftsfähige Welt sind da. Die sozialen Visionäre, die sie entwickeln und umsetzen, sind da. Was sie brauchen, ist jemand, der ihnen vertraut und den Anfang ermöglicht. Der ChanceMaker Ecosystem Fund ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung.

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